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„Tatverdächtige“ – Schülerwelt auf der Bühne

Die Theateraufführung "Tatverdächtige" am 24. April im Rahmen eines Gewaltpräventionsprojektes

 

Schüler der Klassen 7 bis 9 sitzen überall auf dem Boden, sechs Bühnenelemente kreisförmig angeordnet ragen aus der Menge heraus – hier wird die Welt der Schüler von sechs Darstellen  gespielt: Jeder an seinem Platz ist mit Handy, Computer, Spielkonsole beschäftigt. Ronny -  im Spiel vertieft- ignoriert wiederholt die Aufforderung der Mutter, das Zimmer aufzuräumen… die Bitte wird nachdrücklicher und deutlicher… nichts passiert, bis schließlich Ronnys Vater brüllt und schlägt …und Ronny pariert. Oder Olaf – gerade am Handy – erhält einen Anruf von seinem Vater, der mal wieder nicht zu seinem Geburtstag kommen kann, ihn jedoch mit 100€ vertröstet…Dafür kann Olaf sich bald ein cooles neues Handy leisten, das Ronny ihm später abziehen wird….Oder Esra, sie wird zuhause von ihrer Mutter vernachlässigt, ab und zu kontrolliert und mit Aufträgen überhäuft und in der Klasse heftig gemobbt „Du bist einfach nur hässlich“, „Du Schlampe“ usw..…Zickenalarm in der Klasse, Schlägereien, aus Spaß wird Ernst…Szenen, die jeder aus dem richtigen Leben kennt. Selbst im Klassen-Spiel in der Lehrerrolle sind die Schüler nicht vor den Mobbing-Mechanismen geschützt, die ablaufen, sobald ein gemeinsames Opfer gefunden wird…..Das tragische Ende: Olaf, den sein Vater beim letzten Geburtstagsanruf noch nicht mal mehr mit Namen kennt (dafür aber jetzt mit 300€ beschenkt ), wird von den Mitschülern so genötigt, dass er in ihrer Mitte auf dem siebten Bühnenpodest  beschimpft, beleidigt, niedergemacht und am Boden liegend immer noch getreten wird! Aus!

Mit großem spielerischen Können und darstellerischem Einsatz (mit nur wenigen Hilfsmitteln)  wechseln die sechs Darsteller die Figuren und Schauplätze mit überzeugenden Dialogen und viel Action. Streit, Beleidigungen und körperliche Auseinandersetzungen gehen gekonnt über die Köpfe des Publikums hinweg,  von einem auf das andere Podest. Da  fliegen  die Fetzen …da geht es so richtig ab!  Gefangen von der Spielhandlung rundherum können Lehrer wie Schüler das Spielgeschehen in verschiedene Richtungen verfolgen und dementsprechend von verschiedenen Sichtweisen her verstehen….und Lehrer, Eltern und Schüler als Mittäter unter Tatverdacht einordnen.

„Tatverdächtige“ ist nicht nur der Titel dieser wirklich ansprechenden und gelungenen  45minütigen Bühnenproduktion, die  am 24. 4. 2018 an unserer Schule vom „Simon Steimel Menschen Theaterensemble“  aufgeführt wurde, „Tatverdächtige“ bedeutet ein komplettes Gewaltpräventions-Projekt, das von der Stiftung „Kompetenz im Konflikt“,  der Stadtsparkasse Mönchengladbach und dem Verein „Zonta“ unterstützt wird.  Es thematisiert in szenischen Darstellungen Ursachen und Auswirkungen von Gewalt, und unterscheidet dabei Gewalt zwischen Jugendlichen, Gewalt zwischen Jugendlichen und Eltern und Gewalt zwischen Jugendlichen und Lehrern. 

In anschließenden Trainingseinheiten in den Klassen wird je ein Coach das Thema in Gespräch und Spielaktionen mit den Schülern  nacharbeiten. Dabei werden verbale und körperliche Angriffe , die Bedeutung von Körpersprache sowie der Ausstieg aus einer bedrohlichen Situation thematisiert. Ziel ist es , neue Handlungsmuster bei körperlicher Gewalt und Mobbing zu erlernen, um Eskalation zu vermeiden.

Bei der ebenso vorgesehenen Lehrerfotbildungsveranstaltung wird es um erweiterte pädagodische Handlungskompetenzen gehen, individuelle Konfliktlösungsstrategien sollen erlernt werden. Außerdem werden Hilfen angeboten in Bezug auf Mobbing/Gewalt, verhaltensauffällige Schüler und zur Schaffung eines positiven Klassenklimas.

Die ersten Trainingseinheiten haben am Dienstag nach der Aufführung  bereits stattgefunden, je ein Darsteller bearbeitete  mit einer Klasse in einer Doppelstunde (90 Minuten) das Stück nach und vertiefte das Anliegen in theaterpädagogischen Spielen und Übungen. Dabei wurden im Stuhlkreis zunächst  die Regeln des Miteinanders verabredet und in verschiedenen Aktionen, Reaktionen, Handlungen, Körperhaltungen und Blickkontakten erprobt und reflektiert. So wurde zum Beispiel der wichtige Grundsatz erarbeitet: „Ich brauche Blickkontakt, damit ich ernstgenommen werde…damit ich sagen kann: Ich möchte, dass Du damit aufhörst.“ Weiterhin wurde die Körperhaltung gecheckt und erprobt, mit dem Hintergrund: Ich mache mich weniger angreifbar, wenn ich mich dazu stelle (im Sinne von feststehen, statt zurückzugehen oder anzugreifen). Schließlich gab es eine Übung, die deutlich machte, dass Nichtbeachten neben sprachlicher und körperlicher Gewalt auch eine nicht zu unterschätzende Form der Gewalt ist.

Nach einem sehr intensiven Schultag mit „Tatverdächtige“ bleibt festzustellen: Ein sehr gelungener und wertvoller Projektauftakt, Fortsetzung folgt in den zweiten Trainingseinheiten in den Klassen und der Lehrer-fortbildungs-Veranstaltung im Juni.

Angesichts der aktuellen Presseveröffentlichungen über zunehmende Gewalt an Schulen erfüllen wir mit diesem Projekt ein dringendes Anliegen und erhoffen uns damit ein Stück guter präventiver Arbeit an unsrer Schule und  Wirksamkeit für Schüler und Lehrer. Ein Dank an den Schulsozialarbeiter, der uns dieses Projekt vorstellte und für uns auf den Weg brachte,  an die Schulleitung, die uns die Durchführung ermöglichte, und an alle Lehrer und Schüler, die sich darauf einlassen konnten …und schließlich an die Veranstalter, Spieler, Antigewalt- und Theaterpädagogen.

(UWa)

 

 

 

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